Falkenwind

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Es gibt ein männliches Wesen, dass mich bisher mehr als die Hälfte meines Lebens begleitet hat. Seit 33 Jahren ist er bei mir, er hat 4 Beine, viel Temperament und einen Trakehnerbrand!

Seine Name ist Falkenwind, ein Sohn des Hengstes Mahagoni, liebevoll „Fritz“ genannt. Seit er am 18. Mai 1985 um 22.30 Uhr geboren wurde, ist er mein Glücksbringer, mein Stolz  und auch öfters mal Anlass für Sorge und Kummer. Mit seinem bildhübschen Kopf hätte er fast als Araber durchgehen können, die großen seelenvollen Augen blicken mich immer wieder mit viel Weisheit und auch Schalk an. Er kann mich lesen wie ein Buch: Wenn ich aus dem Büro komme, gestresst und unleidig bin, brauche ich gar nicht erst mit dem Sattel in den Stall zu kommen. Er verweigert jede Kooperation und scheint zu sagen „Komm’ erst mal zur Ruhe bevor Du Dich auf meinen Rücken setzt.“ Von keinem Pferd bin ich so oft herunter gefallen, wie von Fritz. Er quittierte jede Unzulänglichkeit mit Buckeln und anderen Gefühlsäußerungen.

Gabriele Boiselle und ihr Trakehnerhengst „Fritz“

Unsere gemeinsame Geschichte
Nun sind wir Beide ja auch schon in die Jahre gekommen und die Reaktionen fallen nicht mehr so impulsiv. Garantiert, das Leben mit Fritz war nie langweilig, sein Temperament und seine eigenwillige Persönlichkeit haben mich immer wieder fasziniert. Darüber hinaus ist er ein außergewöhnlich athletisches Pferd, das mich niemals im Stich gelassen hat. Daher haben wir auch angefangen, als er 6 Jahre alt war, ihn auf eine Karriere als Vielseitigkeitspferd vorzubereiten, bis ein ganz schlimmer Unfall passierte. Er rammte sich einen Eisenriegel in die Brust und riss sich beim Versuch wieder wegzukommen, den Brustmuskeln heraus. Der Tierarzt sah keine Chance mehr, dass er sich jemals einigermaßen normal bewegen könnte und riet mir ihn einzuschläfern, da es nicht abzusehen war, ob nicht auch ein wichtiger Nerv des Vorderbeins betroffen war. Doch ein Blick in die Augen von Fritz sagte mir, dass eine Operation für ihn nicht zur Debatte stand. Doch der Blick des Tierarztes, als ich ihm die Entscheidung von Fritz mitteilte, sagte mir auch, dass er mich für verrückt hielt.

Es war ein langer und schmerzvoller Weg für Fritz, denn die Wunde brach auf, eiterte und wollte nicht heilen. Der Tierarzt sagte, dass er noch nie ein Pferd erlebt hat, dass solch ungemeine Schmerzen so stoisch ertragen hat. Nach einem halben Jahr Klinik konnte ich Fritz wieder nach Hause holen. Es dauerte jedoch ein weiteres bis ich ihn wieder Reiten konnte und man spürte keine Veränderung in seinen Bewegungen. Nur eine hässliche große Narbe ist geblieben, über die ich jeden Morgen beim Füttern zärtlich hinweg streichle und mich dankbar daran erinnert, ihn immer noch in meinem Leben zu haben.

Fit bis ins hohe Alter
Aus seinem Stallfenster blickt Fritz rüber zur Nachbarkoppel auf seine Kinder, die so viel von ihm geerbt haben und die er als seine Herde betrachtet. Er ist der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und dessen ist er sich bewusst. Natürlich hat er mittlerweile graue Haare bekommen und seine Gelenke knacken hörbar. Bis vor zwei Jahren waren für ihn unsere Ausritte im Wald immer noch ein wichtiger Bestandteil seines Lebens. Mit ihm dahin zu fliegen über die Sandwege, am lockeren Zügel,  im dichten Wald, wenn die Blätter von der Sonne bestrahlt, ein Muster auf den Weg werfen, dann durchströmte uns beide das Gefühl eine Einheit zu sein. Nur mit meiner Stimme konnte ich ihn lenken und er reagierte auf die geringsten Hilfen, wir verstanden und verstehen uns einfach blind. Und wenn wir wieder zurückgekommen sind, dann gebärdete er sich wie ein Vierjähriger, ungestüm und voller Temperament kündigte er laut wiehernd vor dem Stall seinen Anspruch an: Ich bin Fritz, der Trakehner!

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VON GABRIELE BOISELLE
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