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Reiseberichte


 

 

18.05.2011 – Mittwoch

Heute morgen muss ich auf meine Melone mit Serranoschinken verzichten. Um keine Zeit zu verlieren, werden wir erst auf der Fahrt frühstücken. Auch kein Problem, schließlich konnten wir ja dafür fast ausschlafen. Unser Fahrt heute führt uns zu Alvaro Domecq und der Finca Los Alburejos. Täglich wird dort in einer großen Open-Air-Arena eine Show gezeigt. Es wird die Arbeit mit den Stieren gezeigt, die für die Stierkampfarena bestimmt sind und selbstverständlich die Doma Vaquera Dressur.
Vom Parkplatz der Busse aus müssen wir ein ziemliches Stück durch die Landschaft wandern bis zur Arena. Hier wachsen meterhohe Kakteen und es ist eigentlich schon eine sehr karge Landschaft. Aber wenn man genau hinschaut, entdeckt man zahlreiche Blüten versteckt zwischen den Steinen.
Der Sprecher der Show ist ein Sprachentalent. Er erklärt jeden einzelnen Programmpunkt auf spanisch, englisch und deutsch. Die Show selbst ist der absolute Hammer. Star sind natürlich die Stiere. So einen Kampfstier mal nur durch eine Bande getrennt live zu sehen ist ein Erlebnis. Man mag über den Stierkampf in Spanien denken was man will – ich will das hier auch gar nicht bewerten – aber der Magie der Kraft und Stärke, die diese Tiere ausstrahlen kann sich wohl niemand entziehen.

    

Erstaunt erfahre ich, dass Kampfstiere in allen Farben für die Arena gezüchtet werden. Bisher war ich der Meinung es gäbe nur schwarze Stiere. Hier werde ich eines besseren belehrt. Es gibt sie in allen „Kuhfarben“ – entscheidend ist nicht die Farbe sondern der Mut und die Aggressivität, die ein Stier zeigt um mit ihm zu züchten. Hier leben die Zuchtstiere völlig frei jeweils in einer Herde zusammen mit ihren Kühen. Die kleinen Herden sind so aggressiv auch den Hirten gegenüber, dass man sie nur treiben kann, wenn man speziell dafür gezogenen Ochsen zur Herde gibt und diese voran treibt. Als eine solche Herde in die Arena stürmt bebt die Erde. Der Sprecher klärt uns auf, dass man die Gegend hier „Open Land“ nennt – offenes Land für die Zucht der Stiere.

Der ganze Stolz Spaniens ist in der Doma Vaquera zu sehen. Schon in der Andalusischen Reitschule haben wir sie bewundert. Aber hier, im Open Land, ist sie wirklich zu Hause. Unter freiem Himmel mit Blick auf die am Horizont verschwindenden Stiere machen die Figuren, Drehungen und Stopps plötzlich einen ganz anderen Eindruck.

Auch wenn es jetzt Show ist, die Arbeit mit der Garrocha hat einen ernsten Hintergrund. Ohne sie wäre es nicht möglich die Stiere zu treiben. Und nur der Reiter, der Pferd und Garrocha perfekt beherrscht, kann sich überhaupt trauen, sich mit diesen mächtigen Stieren einzulassen. Wer in einer Reitshow den Tanz mit der Garrocha bewundert, sollte auch einmal gesehen haben wozu sie wirklich gebraucht wird. Und jeder Reiter hier beherrscht sein Handwerk meisterlich. Wieder begeistert mich die Leichtigkeit mit der hier alles geritten wird. Es scheint als ob mehr als eine Hand kein echter Spanier braucht um sein Pferd zu lenken.

    

Ob Traversalen, Spanischer Schritt oder Galoppwechsel in allen Varianten – alles wird einhändig geritten. Schön das so perfekt und leicht mal außerhalb eines Dressurvierecks zu sehen.

Viel zu schnell endet die Vorstellung. Wer mit Gabriele unterwegs ist, bekommt aber immer noch eine Sondereinlage präsentiert. Extra für unser Gruppenbild stellen sich die Reiter noch einmal zusammen auf.

    

Wir gehen zurück zu den Bussen um in den abgesperrten Bereich des Gestütes von Alvaro Domecq zu fahren. Für uns öffnen sich die Schranken, die ansonsten Besucher aussperren. Wir haben das Privileg noch einige freilaufende Hengste in der Arena der Finca zu fotografieren. Hier in der Privatloge haben schon Staatsgäste die Zucht dieses großen Mannes bewundert und jetzt klicken hier unsere Kameras um die Wette. Der Regen der letzten Tage hat mitten in der Arena eine große Pfütze entstehen lassen – absolut ungewöhnlich und ein Supermotiv. Statt Staub spritzt es wie wild als der Hengst sich zum ersten Mal traut hindurch zu galoppieren.

Ich liebe ja Regenbilder und vermisse die Sonne keine Sekunde hier – Sonne und Staub hätten sich sicherlich auch gut gemacht, aber als sich der Hengst mitten in dem kleinen See wälzt bekommen wir unglaubliche Bilder. Das kannst du so gar nicht planen, so etwas muss dir einfach geschenkt werden.

    

Selbstverständlich bekommen wir auch noch eine exklusive Stallführung. Besonderes Highlight ist die große Sattelkammer. Hier hängen Bilder der Familienmitglieder an der Wand und zeigen welch große Tradition hier gepflegt wird. Das Zaumzeug und die Sättel sind größtenteils seit Generationen in der Familie und werden heute noch eingesetzt. Es wird sehr ruhig unter uns – der Geruch des Leders, die historischen Bilder an der Wand, die uralten Sporren fein säuberlich aufgereiht an einer Seite des Zimmers – alles trägt zu einer sehr emotionalen Stimmung bei. Wer hier nicht berührt rausgeht sollte auch gar nicht das Privileg haben so einen Raum betreten zu dürfen.

Die Zeit ist wie immer viel zu schnell vergangen, es ist schon Nachmittag als wir uns zum zweiten Züchter des Tages aufmachen. Bevor wir in die Busse steigen kündigt uns Gabriele den Besuch bei den schönsten Arabern ganz Spaniens an. Auch diesen Züchter kennt sie seit vielen Jahren: Nicolas Domecq.

Schön in der Auffahrt zum Gestüt können wir feststellen, dass sie uns nicht zuviel versprochen hat. Eine kleine Stutenherde grast mit ihren Fohlen auf der Weide. Wie meistens sind wir natürlich zu spät dran, aber hier müssen wir einfach anhalten und die ersten Bilder machen.

    

Dass wir alle nicht gleich auf die Weide stürmen, dafür sorgt nur der ziemlich ernsthaft aussehende Stacheldrahtzaun. Also bleibt uns dann doch nichts anders übrig als den regulären Weg zu suchen und erst hoch zum Gestüt zu fahren. Hier erwartet uns Nicolas Domecq persönlich zusammen mit seinem Stallmeister. Während der Führung durch seinen Hengststall erfahren wir von ihm persönlich vieles über seine Zucht. Hier stehen unter anderem drei Generationen Hengste nebeneinander. Alle von ihm gezüchtet. Großvater, Vater und Sohn, die jetzt doch im Deckeinsatz sind und schon der Urgroßvater gehörte diesem großen Züchter. Selbstverständlich auch aus eigenen Stuten gezogen. Unglaublich beeindruckend.

Später werden uns diese Hengste einzeln in der Reitbahn des Gestütes vorgeführt. Der jüngste Hengst Jaleador, zwei Jahre alt, darf den Anfang machen, während es Heleno dem vierundzwanzigjährigen Grandseigneur des Gestütes vorbehalten ist, den Abschluss zu bilden. Auch wenn er schon graue Schläfen hat, so ist er mir doch aus den ganzen Reihe der liebste. Er strahlt einen derartigen Charakter aus, dass es mich nicht wundert, warum ausgerechnet er hier zum Stammvater wurde. Gabriele erzählt, dass sie ihn schon fotografiert hat, als er noch so alt war wie Jaleador und er schon damals diese besondere Ausstrahlung hatte.

    

Wie mit allen anderen Züchtern auf unserer Reise verbindet auch Gabriele und Nicolas Domecq eine langjährige Freundschaft. Für ihn ist es deshalb auch selbstverständlich uns in sein Privathaus auf einen Kaffee und einen Sherry einzuladen. Als wir sein Wohnzimmer betreten führt er uns zu einem Tisch auf dem aufgeschlagen Gabrieles neues Araberbuch liegt. Er zeigt auf das Bild seines Hengstes und lacht Gabriele an.

Bei einem Glas Sherry aus der eigenen Produktion erzählt uns die beiden dann noch ein paar Geschichten aus ihrer gemeinsamen Vergangenheit. Keiner will wirklich aufbrechen, aber wir müssen langsam die Heimreise antreten. Unsere Nacht wird kurz genug werden. Morgen ist unser letzter Tag und bevor wir uns alle auf unsere Zimmer verteilen erinnert uns Gabriele daran den Wecker rechtzeitig zu stellen. Um halb fünf ist die Abfahrt nach Tarifa geplant. Die Fahrt wird über zwei Stunden dauern und wir wollen mit dem ersten Morgenlicht zu fotografieren beginnen. Deshalb fällt heute die gemütliche Runde vor dem Ranchhaus nach dem Abendessen aus und jeder verzieht sich ziemlich schnell auf sein Zimmer. Gilt es auch noch die Speicherkarten des Tages zu überspielen und alles für morgen vorzubereiten.

 

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