17.05.2011 – Dienstag
Heute kann meine Kamera erst einmal Pause machen. Auf unserem Programm steht für heute vormittag der Besuch der Königlich-Andalusischen Reitschule in Jerez an. Die Reitschule wurde 1970 auf eine private Initiative von Don Alvaro Domecq hin gegründet und erhielt erst 1987 durch König Juan Carlos das Prädikat königlich. Das Gelände auf dem sie heute ihre Vorstellungen gibt liegt mitten in der Stadt. Nach einem entspannten Frühstück geht es deshalb erst einmal in die Rushhour von Jerez. Auf der Suche nach einem geeigneten Parkplatz für unsere Busse bekommen wir dann auch gleich das Sightseeing kostenlos mitgeliefert. Jerez ist die fünftgrößte Stadt Andalusiens und liegt in der Provinz Càdiz. Sie ist für zwei Dinge in aller Welt berühmt: Pferde und Sherry. 2002 war sie Gastgeberin für die Weltreiterspiele und ich hoffe sehr damals hatten sie für die Besucher mehr Parkplätze zur Verfügung gestellt als heute. Johnny findet dann doch noch einen großen Parkplatz in der Nähe der „Real Escuela Andaluza del Arte Ecuestre“ wie die Reitschule auf spanisch heißt und wird damit zum Held des Tages ernannt.
Leider sind Foto- und Filmaufnahmen während der Vorstellung strikt untersagt. Das Verbot wird durch zahlreiche Ordner auch mit Argusaugen durchgesetzt. Gabriele hatte uns vorgewarnt und niemand von unserer Gruppe wird beim „Schwarzfotografieren“ erwischt. Seit vielen Jahren bin ich Stammgast bei den unterschiedlichsten Pferdeshows, angefangen bei Apassionata. Auch die eine oder andere Galavorführung der Spanischen Hofreitschule in Wien konnte ich schon besuchen. Aber was die Bereiter hier in Jerez zeigen übertrifft meine Erwartungen um ein vielfaches. Es ist die Leichtigkeit wie sie mit ihren Hengsten umgehen, die mich an Anhieb in Bann schlägt. Gleichzeitig merkt man den Bereitern in ihren Galauniformen den Spaß bei der Arbeit mit den Pferden deutlich an. Nichts wirkt gezwungen, da reiten sie mal so aus Jux und Tollerei Zweier- oder Einergaloppwechsel einhändig, dass jeder S-Dressurreiter vor Neid erblassen muss. Und der eine oder andere findet dabei noch Zeit, ins Publikum zu lachen und sich mal anzuschauen wer da heute so sitzt. Bei der Gelegenheit entdecken sie auch Gabriele. Zwei von ihnen zwinkern ihr zu und grüssen sie. Wieviel Sherry sie mit den Beiden schon getrunken hat, will mir Gabriele nicht verraten. Aber bei der Herzlichkeit mit der sie hier überall empfangen wird, gehe ich schon von ein paar Gläsern aus. Selbstverständlich gehören auch die Schulen über der Erde zum Pflichtprogramm der Vorführung. Kapriolen, Kurbetten und Levaden in Harmonie und Vollendung gezeigt. Die Vorstellung endet für mich viel zu schnell, ich hätte den Bereitern gerne noch viel länger zugeschaut.
Bevor wir uns zu den Bussen aufmachen, muss noch ein Abstecher in den Souvenirshop sein. Wenn schon keine eigenen Bilder, dann müssen es zumindest ein paar andere schöne Andenken sein. Jede von uns findet auch schnell ihr Mitbringsel für die Heimat.
Nach dem Mittagessen in der Nähe von Jerez wollen wir uns auf den Weg zum nächsten Gestüt warten. Gabriele hat noch am Morgen mit Don Manuel Lovera telefoniert. Er freut sich auf uns und hat extra für unseren Besuch seine Schimmelstuten alle gewaschen. Sein Gestüt liegt kurz vor Cordoba, wo schon die Olivenplantagen anfangen und sich mit üppigen Weizenfeldern abwechseln. Eigentlich erwarten wir eine problemlose Fahrt von gut 1 ½ Stunden auf der Autobahn dorthin. Aber heute spielt das Schicksal uns einen kleinen Streich. Als wir auf die Autobahn auffahren bemerke ich, dass am vorderen Bus etwas nicht stimmt. Ich kram alle meine Rallyekenntnisse aus der Portugalreise (Marion war wirklich eine sehr heiße und vor allen Dingen schnelle Vorfahrerin damals) zusammen und überhole den blauen Bus mit Johnny und Gabriele. Auf unser wildes Deuten hin und kurz bevor ich sie noch vor lauter Rallyefeeling von der Straße dränge, reagieren sie und bleiben auf dem Pannenstreifen stehen. Und leider trifft der Name hier auch zu. Der Vorderreifen des blauen Busses ist so gut wie platt. Sehr viel langsamer als zuvor fahren wir an der nächsten Ausfahrt ab und suchen eine Tankstelle. Mehr als Luft auffüllen können wir aber auch hier nicht tun. Die Hacienda ist von unserer derzeitigen Position am nächsten, also beschließt Gabriele erst einmal zur Sicherheit aller die Heimreise anzutreten. Etwas lang sind nach dieser Entscheidung die Mienen schon aber es hilft nichts. In einen Bus passen wir halt alle einfach nicht rein und der zweite Bus braucht erst einmal einen neuen Reifen. Als wir ankommen kümmert sich Max zusammen mit Johnny erst einmal um den Reifen, aber in der Zwischenzeit ist soviel Zeit verloren gegangen, dass wir heute nicht mehr zu Loverda können. Aber wer Magda und Kenzie Dysli und eine ganze Hacienda zur Verfügung hat, der braucht sich eigentlich um die Füllung seiner Speicherkarten keine Sorgen machen. Für den Abend organisieren sie zusammen mit Gabriele ein Spontanshooting mit einem Fohlen und noch der einen oder anderen Überraschung für uns.
Leo unser tschechischer Cowboy lässt sich das Shooting natürlich auch nicht entgehen. So wie er in seinen Stiefeln vor uns steht, könnte man meinen Marlboro Man ist wieder da.

Selbstverständlich wird auch er in das Motiv miteingebaut.
Für die Zeit kurz vor dem Sonnenuntergang hat sich dann Gabriele noch einen weiteren Clou einfallen lassen. Weit hinter der großen Reitarena der Hacienda ist ein Sonnenblumenfeld in voller Blüte. Dorthin führt sie uns. Kenzie kommt mit ihrem Schimmelhengst, den wir am ersten Tag schon fotografieren durften mit. Diesmal aber nicht in spanischer Tracht, sondern ganz leger und ohne Sattel. Ein Mädchentraum, soll jetzt vor unserer Linse entstehen: So ganz ohne Sattel auf einem Hengst in den Sonnenuntergang reiten. Ein bißchen kitschig, klar – aber auf der anderen Seite auch einfach nur wunderschön.
Dass es dann nicht zu kitschig wird, dafür sorgt mal wieder Leo. Unser Cowboy sorgt zusammen mit seinem Quarter Horse, dass die „harten Typen“ unter uns nicht zu kurz kommen. Nicht umsonst ist Leo schon bei Apassionta mit seiner Lassonummer im Programm gewesen. Wie er so mitten aus dem Sonnenblumenfeld heraus, den einen oder besser gesagt die eine von uns, mit dem Lasso einfängt ist große Kunst und einfach super. Und als echter Showman lebt Leo durch unseren Applaus erst richtig auf und zaubert noch das eine oder andere Kunststückchen hervor. Während wir noch mit Leo rumspielen, tuschelt Gabriele mit Kenzie. So geheimnisvoll wie die beiden tuen, hecken sie sicherlich noch irgendetwas aus. Kenzie reitet kurz darauf auch ziemlich schnell wieder zur Hacienda zurück. Na mal sehen, was den beiden da noch eingefallen ist.

Auf dem Weg zurück in den Innenhof werfe ich einen Blick auf den Zähler meiner Kamera. Heute sind es nicht mehrere tausend Bilder geworden, die meine Kamera festgehalten hat – aber wir haben einen richtig entspannten, wunderschönen Urlaubstag in Spanien geschenkt bekommen. Und dafür sind wir ja auch hergekommen. Auch deshalb ist die Stimmung wohl sehr entspannt und gelöst an diesem Abend. Alle denken, wir gehen jetzt zum Abendessen – da gibt Gabriele die Anweisung die Kameras noch nicht aus der Hand zu legen. Also doch – sie und Kenzie haben noch eine Überraschung für uns.
Aber diesmal soll es nicht über Pferde gehen. Kenzie hat sich umgezogen und trägt nun ein echtes Flamencokleid. Und damit ergibt sich endlich die Gelegenheit an meiner Technik für verwischte Bilder zu arbeiten. Gabriele erklärt ganz genau, welche Einstellungen in der Kamera dafür zu treffen sind. Und nach einigen Fehlversuchen klappt es dann auch mal bei mir. Als sich Kenzie da so für uns dreht kommt richtige Flamencostimmung auf und die Kameras klicken im Tack dazu.
Auch wenn der Tag nicht so gelaufen ist, wie er eigentlich geplant war – phantastisch und faszinierend war er in jedem Fall!




